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Der Focusing-Blog

Focusing und Embodiment

Ein neuro-somatisch-semantischer Prozess.

Von Klaus Renn

Einladung zum verkörperten Lesen

Lange bevor die Begriffe Embodiment oder Mindfulness so sehr in der Aufmerksamkeit standen wie heute, war Focusing eine Praxis mit differenzierten Konzepten, die den Körper in den Mittelpunkt des Erlebens stellten. Eigentlich lässt sich Focusing als erlebensbasierter Ansatz über die geschriebene Sprache nicht wirklich vermitteln. Um verstehen zu können, braucht es ein Pendeln zwischen den Worten und der eigenen Körperwahrnehmung. Um es Ihnen als Lesenden dennoch möglich zu machen, den „Geschmack“ und den Prozess von Focusing nachzuvollziehen, wähle ich sowohl die direkte Ansprache an Sie, und werde Sie zudem immer wieder zu kleinen Wahrnehmungsübungen einladen, um das Beschriebene unmittelbar zu erfahren, soweit es in dieser Form möglich ist.

Focusing – Hintergrund und Entstehung

Focusing wurde in den 60er Jahren von dem Philosophen und Psychotherapeuten Prof. Eugene (Gene) Gendlin in Chicago entdeckt. In seiner Forschung, die sowohl Empirie als auch Philosophie vereint, entstand sowohl ein philosophisches Prozessmodell als auch ein Handlungskonzept zur Selbsthilfe, Psychotherapie und Kreativität. Sein philosophisches wie therapeutisches Arbeiten entstammt seiner Faszination für das Sich-Einlassen auf das, was schon gespürt, aber noch nicht kognitiv gewusst wird, und was über die Sprache, Konzepte und Methoden hinausgeht. Veränderungsschritte sind bei ihm Denk-, Körper-, und Heilungsschritte zugleich.

Unter Körper verstehen wir im Focusing den ganz gewöhnlichen Körper. Dieser Körper impliziert den gesamten Körper-Erleben-Umwelt-Prozess mit seiner gesamten Physiologie (Blutdruck, Herz, Hirn, Darm, Organe, Faszien, Nervensystem …). Die Unterscheidung der Begriffe, die Dichotomie von „Leib“ und „Körper“ (Plessner 1980) passt nicht in die Philosophie Gendlins, da er Alles-mit-Allem verbunden und sich gegenseitig beeinflussend betrachtet. Der Körper ist Wechselwirkung – in und mit einer lebendigen Situation. Das meint, dass der Körper multidirektional verbunden ist in seiner Physiologie, Kognition, Emotion, Imagination, Audition, also der gesamten gegenwärtigen Situation und dem Bewusstsein. Dieser Ansatz erweitert um ein Vielfaches den gängigen Ansatz der hirnzentrierten Neurowissenschaften und gibt den ganzen Körper dazu. Im Focusing nutzen wir vielmehr das gesamte Körperwissen (Fuchs 2021), die gesamte Körperintelligenz und damit Elan des Lebens in der jeweils gegenwärtigen Situation.

Focusing meint den im Jetzt lebendigen, prozesshaften von Innen gespürten Körper, der vom aller ersten Lebensmoment immer in Situationen lebt und ebenso mit allen Menschen in der Interaktion als mit der Umwelt verbunden ist und die physischen Körpergrenzen damit gleichermaßen transzendiert. „Man kann also festhalten: Wir sind offenbar keine isolierten Wesen, die in einen „Hautsack” eingeschlossen sind, wie es Alan Watts (1980) einmal sarkastisch formuliert hat. Wir nehmen an der Anderen unmittelbar teil, und diese Teilnahme beruht auf der erwähnten Verknüpfung von Wahrnehmen und Handeln: Man kann den körperlichen Ausdruck einer Anderen, auf die man sich bezieht, nicht wahrnehmen, ohne sich mit ihren Äußerungen zu synchronisieren und sie zugleich in irgendeiner Form in sich selbst aktiv nachzuvollziehen, sei es auf beinahe unmerkliche Weise wie durch die subtile Innervation der eigenen Muskulatur oder auf offensichtliche Art wie durch das Einnehmen einer ähnlichen Körperhaltung“ (Staemmler 2009, S.116).

Heute umfasst Focusing einen Ansatz des Denkens und des Philosophierens, eine Grundhaltung und Methode in der Psychotherapie, Körperarbeit und Beratung, ein Werkzeug in der Selbsthilfe für Kreativität und Entscheidungsfindung und ein Weg, um spirituelle Dimensionen zu erkunden. Das explizite Einbeziehen des unmittelbaren Erlebens unseres körperlichen Prozesses mit seinen magischen Momenten, steht für die Rückkehr zum Gewahrsein des Stimmigen und Prozesshaften des Menschen.

Im Focusing verliert das rationales-kognitives und unbewusstes Bewusstsein seine illusionäre Mächtigkeit zugunsten der Erfahrung, ganzheitlich mit sich selbst und der Umwelt verbunden zu sein. Im Focusing lernen wir zudem immer differenzierter, wie wir uns selbst wahrnehmen. Die „Innere Achtsamkeit“, das abenteuerliche Selbst-Begegnen erschließt den inneren Erlebensraum mit seinen impliziten (noch eingefalteten) vielfältigen Facetten von Bedeutungsangeboten. Gleichzeitig öffnet sich im „Mich-selbst-Annehmen“ die Erfahrung einer existentiellen Lebenstiefe. Albert Einstein soll gesagt haben, „Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener. Es ist paradox, dass wir heutzutage angefangen haben, den Diener zu verehren und die göttliche Gabe zu entweihen. » (Samples 1976, S.62).

Innere Achtsamkeit im Focusing

Focusing ist ein Weg einen primär körperlichen Zugang zu sich selbst zu entdecken.

Gängig ist der Begriff „Mindfulness“, meist als Achtsamkeit übersetzt. Jedoch definieren und nutzen die verschiedenen psychologischen und meditativen Konzepte unterschiedliche Qualitäten der Achtsamkeit.  Im Focusing verwenden wir häufig den Begriff Innere Achtsamkeit, der ein Wie der Aufmerksamkeitsführung impliziert. Die innere Achtsamkeit erschließt mikrophänomenologisch den inneren Erlebensraum mit seinen impliziten (noch eingefalteten) vielfältigen Facetten von Erlebens- und Bedeutungsangeboten.

Innere Achtsamkeit meint den Körper von innen her, in neugieriger, freundlicher, und mit einer offenen heißenden Haltung zu spüren. Innerlich achtsam zu sein bedeutet, alles, was im eigenen Erleben auftaucht, wahrzunehmen und willkommen zu heißen. Sie versuchen dabei eine innere Haltung einzunehmen, die allen auftauchenden Gefühlen, Bildern, Körperempfindungen …, ob angenehm, ob schmerzlich eine offene Aufmerksamkeit, die dem Erleben begegnet: „Ah, Du bist auch da.“ „Du gehörst auch zu mir“. Sie geben dem, was in Ihnen wahrnehmbar wird, einen freundlich-neugierigen Empfang in Ihrer Welt. So als würden Sie als gute Mutter / guter Vater diesem „neugeborenen“ Erleben liebevoll seine Berechtigung geben.

Achtsam sein bedeutet, einigen Gewohnheiten nicht nachzugeben und stattdessen wahrzunehmen, ohne sofort bewerten, zu analysieren und zu deuten oder das Erleben in Sprache bringen zu müssen. Darüber hinaus braucht achtsam sein auch noch ein Verweilen – ohne Absichten, Ziele und Zwecke. Es braucht die Haltung der sogenannten Absichtslosigkeit.

Sie bemerken wahrscheinlich: innerlich achtsam sein bedeutet in einer ganz bestimmten Weise mit sich, dem Inneren Erleben, eine kleine Zeit zu verbringen. Es meint ein bestimmtes „Wie“ ich mit mir selbst bin. Obwohl es ganz einfach erscheint, impliziert es, bei genauer Betrachtung, viele Facetten von Haltungen und Bedeutungen. In dieser einfachen, freundlich-neugierigen Zuwendung findet sich eine basale Selbstakzeptanz, Selbstwertschätzung und Selbstfürsorge.

Diese körperlich-gefühlte liebevolle Zuwendung hat nicht die Aufgabe unmittelbar zu verändern, vielmehr handelt es sich um eine „energetische“ Art dem Körperraum (Organe, Wirbelsäule, Verspannungen usw.) und dem Erfahrungsraum (Gefühlen, Ängsten, Imaginationen usw.), einen annehmend-freundlich-neugierigen Raum, eine innere wohlwollende spürige Umwelt zu geben. Egal ob Sie etwas schmerzt, ob Sie intensive, oder gar keine Gefühle empfinden, ob Sie eine schwierige Beziehung belastet, oder ob Sie eine spirituelle Praxis vollziehen - es geht darum annehmend freundlich mit dem Erleben zu verweilen. Diese bestimmte Qualität des „Verweilen“ und „Da-Seins“ entlehnt Gendlin aus der phänomenologischen Arbeit Heideggers. Vermutlich ist der aktuelle Trend zur Achtsamkeit ein Ausdruck der Sehnsucht mit dieser Da-Sein-Qualität, des mit sich Verweilens wieder stärker in Kontakt zu kommen. Viele meditative Verfahren und Konzepte zielen auf diese Seins-Erfahrungen ab, dem tieferen Bei-sich-Sein, der mit einem ausgewogenen Zustand von Sympathikus und Parasympathikus und Regulation von Emotionen einhergeht. Im Focusing ist diese Erfahrung das zentrale Element eines neuro-somatisch-semantischen Entwicklungs- und Heilungsprozesses

Focusing-Erfahrungen

Im Focusing können eine Vielfalt von Veränderungsschritten und Heilungsprozessen erfahren werden: Schmerzen lösen sich auf, Sinn wird erlebt, Gefühle werden klar, Impulse entstehen, Bewegung geschieht und Beziehungen öffnen sich, Handlungsbarrieren werden frei und strukturelle Veränderungen geschehen.

Die Focusing-Kernerfahrung ist die einer bestimmten inneren Erfahrung, die Gene Gendlin mit „shift“ bezeichnet, (übersetzt: Wechsel, umstellen, sich verschieben). In diesem Prozessschritt geschieht etwas Neues, noch nicht Gewesenes, einhergehend mit einer körperlichen, emotionalen und kognitiven strukturellen Veränderung. Shift meint einen magischen Moment der Veränderung. Damit bezeichnen wir die wirksamen kleinen Prozessschritte, die wirklich geschehen: etwas wird klar; ein frisches neues Gefühl entsteht, ein kreatives neues Wort taucht auf, ein klares Körpergefühl entsteht, Bedeutung wird stimmig. Alltagssprachlich spricht man dabei vom Bauchgefühl, einem AHA-Erlebnis, einer Intuition oder Transformation. Gemeint ist eine neue Symbolisierung, begleitet von einem starken Körpererleben oder einer Entspannung, die dem Thema eine neue stimmige Bedeutung gibt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein benennt dieses Empfinden mit „Klick“: In seiner Vorlesung über Ästhetik führt er aus: „Verschiedenes wird vorgeschlagen, etwas macht, wie man sagt, Klick. … Es scheint als bräuchtest Du irgendein Kriterium, nämlich das Klicken, um zu wissen, daß das Richtige geschehen ist“ (Wittgenstein 2000, S.33). Es sind besondere Fragen, die wir uns in den alltäglichsten Verrichtungen und Gesprächen stellen können: „An was merke ich, dass es jetzt so richtig ist, wenn eine Entscheidung passt?“  oder: „An was merke ich, dass etwas so noch nicht stimmt?“.

Felt Sense -  eine andere Kategorie des Erlebens

Gendlin hat den Begriff „Felt-Sense“ geschaffen, um diese Erfahrung von Stimmigkeit und Evidenzerleben zu konzeptualisieren und das, was mehr ist als kognitiv-konzeptuelles Wissen dem bewussten Arbeiten zugänglich zu machen. Ins Deutsche lässt sich der Begriff nicht wirklich übersetzen, „felt“ meint gefühlt und „sense“ hat die Doppelbedeutung von Sinn, Bedeutung, Verstand sowie zugleich von Spüren und Fühlen. Also könnten wir sagen: gefühlter Sinn und zugleich gefühltes Spüren. Gene Gendlin selbst wollte diesen Begriff nicht übersetzt haben.

Der Felt Sense steht für die körperlich gefühlte Gesamterfahrung eines Themas, das noch nicht Gewusste oder Benennbare, jedoch schon Geahnte, eine körperliche Resonanz zu einem inneren oder äußeren Ereignis. Damit braucht der Begriff Felt Sense eine offene und weite Bedeutung, die sich im Prozess nach innen Spürens kontinuierlich weiter entfaltet und entwickelt.

Alltägliche Beispiele für die Erfahrung des Felt Sense wären:

  • Beim Betreten eines Raumes spüren Sie unmittelbar, ob die Menschen in einer Gruppe Spannungen und Konflikte haben, oder in einem ganz persönlichen Gespräch sind.
  • Sie sitzen alleine in einem Zugabteil und es setzt sich jemand dazu – es fallen keine Worte – und doch ist die Situation sofort spürbar durch die Gegenwart verändert.
  • Fällt Ihnen der Name einer bekannten Person nicht ein, so wissen Sie doch viel mehr über diese Person. – der Name, so sagt man, liegt auf der Zunge.
  • Sie sitzen mit andern im Gespräch, es wird heftig diskutiert. Dabei bemerken Sie, dass Sie etwas sagen wollen, jedoch nicht zu Wort kommen. Dieses „Etwas sagen wollen“ ist als innerer körperlicher Impuls spürbar. Dann kann sein, dass dieses „was ich sagen will“ verschwindet, sie haben vergessen, was sie sagen wollten, Sie suchen danach, denn Sie wissen, dass es von Bedeutung ist. Dieses „es ist weg“ ist eine reale vage und gleichzeitig deutlich spürbare Erfahrung. – Irgendwie ist „das, was Sie sagen wollten“ wieder da – Sie spüren es deutlich – und wenn Sie Glück haben, kommen Sie dazu Ihren Beitrag zu geben und bemerken, wie es sich anfühlt, wenn Sie gesagt haben, was Sie zu sagen haben.

In diesem Beispiel handelt es sich um subtile, zugleich eindrucksvolle Erfahrungen. Im Focusing wird diese körperliche Erfahrung von „es ist da“ oder „jetzt ist es weg“ als Felt Sense konzeptualisiert. Sie können bemerken, dass in diesem vagen Gefühl wesentliche Inhalte liegen, die in Sprache gebracht eine gewisse Redezeit benötigen. In diesem vagen und deutlich spürbaren Empfinden ist die gesamte Situation des Gesprächs enthalten: die Beziehungen zu den Einzelnen, der Sinn der Besprechung, und wenn Sie noch weiter forschen wollten, finden Sie vermutlich auch typisches Verhalten und Bewertungen, die Sie von sich kennen und vieles mehr.

Der Felt Sense ist das also das gefühlte und gespürte ganzheitliche Erleben von einem Thema, einem Problem, einem Körpersymptom, einer Entscheidung und auch das empfundene Ganze von Etwas wie einem Kunstwerk, von Tanz, Meditation … und immer in der gegenwärtigen Situation. Der Felt Sense ist zu Beginn oft unscheinbar, kaum wahrnehmbar und doch beinhaltet diese Kategorie des Erlebens Intensität, Kraft und Wucht.

 „Die Essenz von Focusing ist, dass der Körper unsere Situationen und unser Leben lebt. Und so weiß unser Körper über das, was vorgeht, immer mehr als wir wissen. Wir können nur ein oder zwei oder drei Faktoren auf einmal denken, gewöhnlich nur einen, aber es sind immer fünftausend Faktoren an jeder Sache beteiligt. Alle diese fünftausend Faktoren zusammen kann man nicht gleichzeitig mit Worten denken. Dass das mit Worten und Gedanken nicht geht, ist nichts Neues, nicht?“ (Gendlin, Wilschko 1999, S.2)

Focusing in der psychotherapeutischen Traumaarbeit

In unterschiedlichen Ansätzen der Traumaarbeit ist Focusing und speziell der Felt Sense von zentraler Bedeutung. Den Verweis auf die Bedeutung des Felt Sense finden wir bei Luise Reddemann (Psychodynamisch-imaginative Traumatherapie (PITT)), Peter Levine (Somatic Experiencing), David Grand (Brainspotting), sowie bei Adam Quinn, Bert Santen, Shirley Turcotte, Ralph Bierman, Deirdre Morse, Anne Poonwassie, und vielen anderen Therapeutinnen.  Die niederländische Traumatherapeutin Rachporn Sangkasaad beschreibt die Bedeutung des Felt Sense in der therapeutischen Arbeit mit Trauma so: „Eine Traumatisierung entsteht im tiefsten Bereich des autonomen Nervensystems. Da hat das Großhirn, die kognitive Ebene, wenig oder gar keinen Zugang. Der Felt Sense, der aus dem Impliziten, aus dem präverbalen Bereich kommt, ist der Erfahrung des autonomen Nervensystems am nächsten. Das autonome Nervensystem versteht die Empfindungssprache am besten“ (Sangkasaad 2022, S.15).

Focusing: Eine Einladung zur abenteuerlichen Selbst-Begegnung

Focusing lässt sich nicht wirklich über Worte verstehen – es braucht die Erfahrung mit dieser etwas anderen Kategorie des Erlebens. Daher möchte ich Sie jetzt einladen eine kleine Erfahrung des Felt Sense zu machen. Wenn Sie dazu jetzt bereit sind, so nehmen Sie sich etwas Zeit, das folgenden zu lesen und immer wieder für einen Moment innezuhalten, um die Reaktionen und Veränderungen im eigenen Körper zu spüren:

Übung: Machen Sie es sich gemütlich und blicken Sie mal um sich, um Ihre momentane Situation dabei zu haben. Dann geben Sie Ihre Aufmerksamkeit in den Körper. Und spüren die Unterlage, … Ihre Hände, die vielleicht die Zeitschrift halten, und dabei wird Ihnen vielleicht Ihre Atembewegung bewusst spürbar. Bleiben Sie einfach einige Atemzüge dabei. … … erlauben Sie sich alles wahrzunehmen, was immer in Ihrem Erlebensraum auftaucht … Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Bilder … begegnen Sie all dem mit einer Haltung, die alles da sein lässt – so, wie es eben erscheint.

Jetzt bitte ich Sie, sich auf die Suche nach dem angenehmsten Ort im Körper zu machen. „Wo ist es in mir gerade am angenehmsten? – Was immer angenehm ist – sollte alles weh tun, wo schmerzt es am wenigsten? Sie sind eingeladen, diesen angenehmen Körperort mit Ihrer Aufmerksamkeit und einem sanften Atem zu betreten – und eine kleine Zeit dort Urlaub zu machen, zu genießen. Dieses wird im Focusing mit Frei-Raum bezeichnet. Bleiben Sie noch einige kleine Momente dort.

Jetzt schlage ich Ihnen das Experiment vor, nämlich eine Begegnung mit einem Mitmenschen aus der letzten Zeit über den Felt Sense zu erforschen. Wenn Sie mitmachen wollen, so bleiben Sie im Frei-Raum – und erinnern Sie sich an diesen bestimmten Menschen: Die Situation der Begegnung, das Aussehen, den Klang der Stimme, die gesamte Atmosphäre der Begegnung, und nehmen Sie alles dazu, was Sie über diesen Menschen wissen, all die Erfahrungen, die Sie mit dieser Person gemacht haben, Ihre Bewertungen zu ihr …  und nehmen Sie auch alle Erfahrungen mit dieser Person dazu. Nehmen Sie auch alles, was Sie nicht wissen (und nie erfahren werden) dazu. Kurz, nehmen Sie alles dieser Person zusammen und lassen Sie es ein Ganzes werden. … Dabei geben Sie Ihre Aufmerksamkeit in den Körper in Richtung Brust, Herz, Bauch, Becken, Boden …  und verweilen Sie einige Sekunden mit dem „Alles zu dieser Person“ … … „Alles zu dieser Person“ und halten Sie die Aufmerksamkeit Richtung Körpermitte …. Vielleicht taucht eine vage Atmosphäre von einem Gesamtgefühl zu dieser Person auf. Lassen Sie sich etwas Zeit … diese vage Atmosphäre, die „Alles und mehr“ enthält, wird Felt Sense genannt. Jetzt könnten Sie den Felt Sense anfragen.

Das geht so, indem Sie Richtung Körpermitte Fragen stellen und verweilen … der Körper baucht ca. 60 Sekunden, um von innen her zu antworten. „Was bedeutet mir diese Person?“ „Diese Person ist so wie …“ Oder „was steht zwischen mir und dieser Person?“, oder „Was verbindet uns? …“

Lassen Sie sich Zeit und stellen Sie die Fragen in Richtung Körpermitte und warten Sie!

Bemerken Sie bitte alles, was in Ihnen gerade geschieht. Vielleicht entsteht eine Symbolisierung aus dem Felt Sense, ein: Wort, Satz, Bild, Gefühl, eine Körperbewegung … so bleiben Sie einen Moment dabei – und sprechen Sie dieses nochmals nach innen in Richtung Brust und Bauch … „ist es genau so – oder etwas anders?“  Und warten Sie dabei, was geschieht. Es kann gut sein, dass ein neues Wort, Bild … auftaucht … nehmen Sie das wieder freundlich entgegen. Diesen Vorgang könnten Sie eine Weile fortsetzten.  Vielleicht ist es auch jetzt schon genug. … Was ist dabei aufgetaucht, was Sie vorher so nicht hätten sagen können, oder welche Bedeutung ist dazu gekommen, oder was ist ein klein wenig neu? … Und mit dem verweilen Sie bitte noch einige Sekunden und kosten Sie aus, was immer entstanden ist.

 

Jetzt haben Sie einen Focusingprozess mit sich selbst erlebt. – Falls es nicht funktioniert hat, (manchmal klappt es – manchmal passt es nicht), so probieren Sie es später noch einmal, oder suchen sich jemanden, die / der Focusing kennt und lassen Sie sich im Prozess begleiten. 

Die Centerline: Das Ganze des Themas und der ganze Körper

Mit dem Wahrnehmen der Centerline ist die zentrale Verbindung von Kopf (Hirn), dem gesamten Körper mit der gegenwärtigen Situation angesprochen. Damit ist die zentrale Achse im Körper gemeint, die durch den gesamten Körper vom Kopf über Herz, Bauch zum Bodenkontakt führt. Es handelt sich um die „Prozess-Werkstatt“ unseres Körpers. Hier erleben wir unmittelbar wie neue Impulse, Intuition, Heilungsprozesse entstehen als auch Emotionen gefühlt und verarbeitet werden. Über die Centerline kreiert sich unser Lebenshintergrundgefühl und unsere Lebenskraft. Hier kann der verkörperte Mensch sich mit sich selbst in der Tiefe verbinden, mit der Quelle der Gefühle, des Beziehungssinns, von Liebe, Angst als auch Lust, zu Tiefen einer spirituellen oder Gotteserfahrung und eines basalen des Gefühls von Da-Sein an sich.

Übung: Sie haben jetzt erfahren, dass die Aufmerksamkeit immer wieder in Richtung Brust und Bauch geführt wird. Nachdem ein Freiraum gefunden und kreiert ist, also ein angenehmer Ort im Körper gefunden wurde und die Aufmerksamkeit mit dem Körper verbunden ist, wird zum Verweilen damit angeregt, was immer zu dem gewählten Thema erlebt wird. Alles, was zu einem Thema bekannt und verbunden ist und auch alles Unklare, wird zu einem Ganzen zusammengenommen indem die Aufmerksamkeit in diese Centerline gegeben wird.

Diese Intervention nimmt Bezug zum gesamten Körperwissen (inklusive dem Gehirn), zur Körperintelligenz als auch zur dem Körper innewohnenden Kreativität, in Verbindung mit der gegenwärtigen Situation.

Die Centerline wird in spirituellen Traditionen unterschiedlich beschrieben, wobei immer wieder ähnliche Begriffe und Konzepte auftauchen:

  • Im Indischen (Chakren) mit 5 bzw. 7 Körperzentren
  • In den indigenen Traditionen als auch im Taoismus finden sich die drei miteinander vernetzten Körper-Lebenszentren Kopf, Herz und Bauch.
  • Die traditionelle chinesische Medizin nennt Organe sind wichtiger Ursprungsort für Emotionen und als Verbindungen Meridiane, die die Organe verbinden
  • Das alte Testament benennt die Körperzentren Kopf und Herz als Ort der Gefühle
  • Das Enneagramm, aus der Tradition der Sufi, leitet die Persönlichkeitskonstrukte aus den drei Körperzentren ab

Das enterische Nervensystem

Den Verweis über die Körperlichkeit von Gefühlen und Körperstrukturen findet sich in vielen Redewendungen: das geht an die Nieren; etwas ist über die Leber gelaufen; geht mir ans Herz; da bekomme ich so einen Hals; eine Laus über die Leber gelaufen; Hirngespinst; ein Stein fällt vom Herzen; Liebe geht durch den Magen; frei von der Leber; das Herz bricht; Hals über Kopf; Kloß im Hals… die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzten.

Die westliche Wissenschaft hat das sogenannte enterische Nervensystem (ENS), umgangssprachlich oft als Bauchhirn bezeichnet, erst relativ spät entdeckt (Gershon 2001). Mit dem Begriff Darm-Hirn-Achse wird die Verbindung beschrieben, die zwischen dem Verdauungstrakt und dem Gehirn, genauer gesagt, dem zentralen Nervensystem (ZNS) besteht. Unser Verdauungstrakt enthält rund 500 Millionen Nervenzellen. Die aktuelle Forschung zeigt, dass unser Darm in ständiger Verbindung mit unserem Gehirn steht und sich die beiden Organe gegenseitig beeinflussen. Das „Darmhirn“ ist wegen seiner Autonomie so bedeutsam, und wegen des Informationsflusses, mit dem es das Gehirn informiert. Das ENS umfasst Bestandteile wie das Darmnervensystem, Darmwandnervensystem und das Eingeweidenervensystem. Die Nervenverbindungen des Bauches geben dabei 90 % der Informationen an das Gehirn während das Gehirn 10 % der Informationen an den Darm weitergibt. Der Darm beeinflusst also das Hirn im Verhältnis 9 zu 1!

Eine ähnliche Verbindung postuliert die Polyvagal-Theorie von S.W. Porges (2010): Der Vagusnerv ist eine sehr lange Nervenverbindung, die vom Hirnstamm bis in den Bauchraum reicht. Entlang des Weges zweigt er zu den einzelnen Organen ab. Er ist an der Regulation fast aller innerer Organe beteiligt und leitet Informationen der inneren Organe an das Gehirn weiter. Die Polyvagal-Theorie gibt über entspannte Wachheit, Flucht-, Kampf- und Erstarr-Reflexe und deren neurologische Bedingungen Aufschluss.

Das ‚Herzhirn‘ und Integrated Neurocardiology

In der westlichen Medizin wurde das Herz lange Zeit rein mechanisch betrachtet, eine einfache Pumpe, die das Blut durch den Körper pumpt und so den Blutkreislauf aufrechterhält. Es hat den Anschein, als ob die Medizin keinen Wert darauflegt, bekannt werden zu lassen, dass mit dem Herzen auch Eigenschaften und Informationen transplantiert werden. Das Herz gilt seit Jahrhunderten in vielen Traditionen als der Sitz von Emotionen, Intuition, Weisheit, Mut, Leidenschaft und Liebe.

Erst die moderne Neurokardiologie untersucht, wie das Gehirn und das Herz über das Nervensystem miteinander kommunizieren und zeigt, dass das Herz tatsächlich viel mehr ist als nur eine einfache Pumpe (Rado 2022). Das Herz verfügt über ein eigenes komplexes intrinsisches Nervensystem, das mit mehr als 50.000 Neuronen weit genug ausgebildet ist um als Gehirn zu gelten. Dieses ‚Herzhirn’ ist fähig unabhängig vom Kopfhirn zu funktionieren, zu lernen, zu erinnern, zu fühlen und funktionelle Entscheidungen zu treffen. Als hoch entwickeltes Sinneszentrum produziert das ‚Herzhirn’ Hormone und Neurotransmitter, empfängt und verarbeitet Informationen und beeinflusst so unsere Wahrnehmung, Kreativität, Leistung und unser emotionales Gleichgewicht. Es leitet mehr Informationen an das Gehirn als das Gehirn an das Herz. All dies weist darauf hin, dass unser Herz eine besondere integrative Rolle in unserem Körper spielt. Es ist ein hochkomplexes, selbstorganisiertes sensorisches Organ mit einem eigenen kleinen Gehirn, das über das Nervensystem, das Hormonsystem und andere Bahnen mit dem Gehirn kommuniziert und es beeinflusst. Diese Erkenntnisse lösen langsam aber sicher die maschinenorientierte Sichtweise ab, welche das Herz lediglich als austauschbare Pumpe betrachtet und das traditionelle Wissen als bloße esoterische Metapher.

Carrying forward: Der verkörperlichte Lebensprozess

Der „Clou“ mit Focusing ist der, dass über die körperliche Bezugnahme, über den Felt Sense, der Prozess sich selbst vorwärts trägt. Nicht die clevere Intervention schafft den nächsten, stimmigen Schritt der Veränderung, sondern der Körper in seiner Intelligenz, seiner Kreativität und seiner Gesamtverbundenheit im Lebensprozess. Aus diesem Impliziten, W. James nimmt das Bild des Erlebensflusses, („Einige werden sich weigern, in nicht-begrifflichen Ausdrücken zu denken“ Philosophische Wurzeln des Focusing: William James Focusing Journal 2011) heraus kreieren sich frische Emotionen, innere Bilder, Audition, Kognitionen, Körper- und Handlungsimpulse. Der Körper ist lösungsorientiert – die Schritte führen hin zu mehr Lebendigkeit und stimmigerem Leben. „Carrying forward“ ist die Kraft, die in körperlicher Heilung wirksam wird, die in jeder Pflanze lebt, die Lebenskraft, die unsere Natur und den Kosmos bewegt und lebt.

Focusing stellt den Bezug (eines Symptoms, eines Schmerzes, einer kreativen Aufgabe, eines Konfliktes) mit dieser Kraft des Lebens her, die selbst den nächsten, kleinen oder größeren Lösungsschritt aufzeigt. Die Evidenz der Schritte ist sofort spürbar und überprüfbar, da jeder Schritt eine wahrnehmbare Veränderung ist. Jede auch noch so kleine Focusing-Intervention trägt die sogleich im Hier und Jetzt wahrnehmbare Evidenz mit sich.

Die Schritte folgen nicht logisch, dennoch sind sie nicht diskontinuierlich. Jeder vorherige Schritt spielt eine Rolle beim Kommen des nächsten Schrittes, aber nicht so, als würde er seine Form dem nächsten Schritt aufzwingen. Wenn wir zurückgehen, um nachzusehen, was der vorangegangenen Schritte war, sehen wir, daß der nächste Schritt den vorangegangenen verändert hat. Wenn wir vom nächsten Schritt zurückschauen, können wir den vorangegangenen Schritt so verstehen, daß der nächste Schritt folgen kann. Jeder Schritt macht den vorherigen neu, so daß er aus ihm folgen kann“ (Gendlin 2008, S.168)

Spirituelle Obertöne im Focusing

Der Focusingprozess wird immer wieder von spirituellen Obertönen begleitet. Auf Englisch, so Gendlin, heißt der erste Schritt im Focusing: making space, und umschreibt damit die Weite des inneren und äußeren Weltenraums. Ein Gewahrwerden eines großen Erlebensraumes mit einem tiefen Bezug zu dem „Ganzen“ des (eigenen) Lebens.

Um diesen Bezug zu verdeutlichen möchte ich den Artikel mit einem Zitat von Gene Gendlin abschließen:

Es gibt eine sehr alte Tradition, die sagt, daß wir bei einer unmittelbaren Berührung mit Gott verbrennen würden. Wenn man sich den Körper als Isoliermaterial vorstellt, dann erscheint es sinnvoll, daß der Kosmos durch unsere Körper hindurch zu uns kommt. Es könnte sonst vor dem Hintergrund der Geschichte der mechanischen Körperbegriffe unverständlich erscheinen, warum wir darauf angewiesen sind, durch unseren Körper hindurch aufzumerken. Wir müssen tatsächlich durch unseren Körper hindurch aufmerksam sein, wenn wir über eine Situation oder irgendein Thema tiefer nachdenken wollen als nur im Bereich dessen, was offensichtlich ist. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit weiter ausdehnen als über den Bereich des Offensichtlichen, um uns als Menschen zu entwickeln - und ich würde mich dafür stark machen, daß es nötig ist, uns als Menschen zu entwickeln. Es reicht nicht, daß es einen unbegrenzten Kosmos gibt. Wir müssen uns selbst entwickeln, so entmutigend wir uns auch manchmal erscheinen. Ihr inneres phänomenologisches Gefühl für Ihren Leib ist nicht nur das Spüren Ihrer Muskeln, Ihrer Beine, der Rückseite Ihres Kopfes. Es ist nicht nur ein Spüren von Dingen wie dem Fußboden, dem Stuhl oder all den Dingen, die Sie sonst sehen und berühren. Das Körpergefühl ist auch Ihr Gefühl für Ihre Situationen, Ihr Leben. Zum Beispiel bin ich jetzt ein Teil Ihrer Situation. Sie haben es meinen Worten gestattet, eine Wirkung darauf zu haben, wie sich Ihr Leib für Sie gerade jetzt anfühlt.“ (Gendlin 1993, S.706)

 

Zum Schluss

Mein Tipp zum Schluss folgt dem typischen Vorgehen im Focusing: Lassen Sie den ganzen Text noch etwas nachwirken. Probieren Sie in gewisser Weise „besinnlich zu denken“, wie uns Martin Heidegger vorschlägt. Und nehmen Sie zum Text Ihre eigenen Gedanken, Ihre inneren Kommentare dazu … und die Atmosphäre und gegenwärtigen Empfindungen und lassen Sie es circa eine Minute wirken. Sie können sich dabei fragen, was für Sie kleinwenig dazu gekommen ist, was für Sie in dem Ganzen etwas Bedeutung hat.

 

 

Klaus

 

Foto von Steffen Hieber.


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