Ein Beitrag von Klaus Renn.
Eugene T. Gendlin ist der Entdecker der Erlebenskategorie, die er Felt Sense nannte und die im Focusing ihren praktischen Ausdruck findet. Gendlin wurde 1926 in Wien geboren und studierte als Erwachsener in Chicago Philosophie. Seinen Master of Arts schrieb er zum Thema: “Wilhelm Dilthey and the problem of comprehending human significance in the science of man“. Sein Promotionsthema lautete “The function of experiencing in symbolisations“. 1963 wurde Eugene T. Gendlin Associate Professor, später dann Professor an den Departments (Fakultäten) für Philosophy und Behavioral Sciences der Universität Chicago. Hinzu kamen Gastprofessuren an Universitäten in Belgien, Japan und New York[1].
Für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Psychotherapie wurde Gendlin 1970 die Auszeichnung „Distinguished Professional Psychologist Award“ verliehen. Neben seinem philosophischen und psychotherapeutischen Arbeiten initiierte er zahlreiche Selbsthilfegruppen (Changes Groups). Sein Handeln und Forschen waren von der Humanistischen Psychologie und der pragmatisch-phänomenologischen Theorie geprägt. Das erste Buch Gendlins, “Focusing“, das 1978 herauskam, erreichte eine Auflage von mehreren Hunderttausend und wurde in 12 Sprachen übersetzt.
Hervorzuheben ist, dass Gendlin als junger Philosoph bei Carl Rogers, dem Gründer der “Personzentrieren Psychotherapie“ lernte und sich dann in dessen Ansatz engagierte. Es folgten ca. 500 Veröffentlichungen wie: “A theorie of personality changes“, “Experiential Psychotherapy“ und “Experiential Phenomenology“. Zudem war er Herausgeber der Zeitschrift für “Psychology: Theory, Research and Practice“[2].
Gendlin hat empirische Psychotherapieforschung, psychotherapeutische Praxis und Philosophie zu einem Ganzen verwoben. So lässt sich Focusing sowohl aus der Humanistischen Psychologie als auch aus der Philosophiegeschichte heraus verstehen und beschreiben. In den 60er und 70er Jahren herrschte eine allgemeine Aufbruchsstimmung, die eine Vielzahl von Psychotherapieschulen hervorbrachte. Eine der bedeutsamsten Ansätze der Humanistischen Psychologie war die von Carl Rogers initiierte Personzentrierte Psychotherapie. In dessen Counceling Center machte Gene Gendlin zuerst Erfahrungen als Klient. Rogers förderte ihn, machte ihn zuerst zu seinem Assistenten und übertrug ihm dann das Forschungsprojekt: „Klientzentrierte Psychotherapie mit psychiatrischen Patienten“, welches als „Wisconsin-Projekt“ bekannt wurde. Als Philosoph beschäftigte sich Gendlin insbesondere mit der Phänomenologie und Existenzphilosophie (Dilthey, Husserl, Heidegger, Merleau Ponty, Satre,) wie auch mit Wittgenstein sowie dem Pragmatismus (Peirce, James, Dewey). Und er nahm Teil an der Gesamtentwicklung der Humanistischen Psychotherapiebewegung. „Zu den Grundlagen der Humanistischen Psychologie gehört das Konzept von awareness als Bewusstheit, das teilweise weiter ausdifferenziert wird in Achtsamkeit (wachsame, abgegrenzte Aufmerksamkeit auf sich herausbildende Figuren), Gewahrsein (umfassende intuitive wie kognitive Intentionalität in Analyse und Zusammenschau) und einen mittleren Modus (Ausgewogenheit, inneres Schweigen und Aussetzen aller Dialoge vor jeder Differenzierung)“[3]. In seiner Person wie in seiner Forschung kreuzten sich Empirie, Philosophie und der allgemeine Zeitgeist der Humanistischen Psychologie.
Die Geschichte Gendlins lässt sich auch anders erzählen: Gene Gendlin, ein eher introvertierter und hochmotivierter Student der Philosophie, angetrieben von persönlichen Fragestellungen seiner Lebensgeschichte, war es gewohnt, komplizierte Gedankengänge, Konstruktionen und Wahrnehmungen zu durchdringen. Es entsprach seiner Art, sich selbst und das Leben aus den Perspektiven und Hintergrundstimmungen verschiedener Philosophien genau zu beobachten. Er hatte Freude, über den Élan vital[4] der jeweiligen Philosophie Verbindungen zu anderen philosophischen Ansätzen zu finden. Er war leidenschaftlich Philosoph, stellte sich und die Welt, die Erscheinungen und die verschiedenen Theorien in Frage, auch dieses Hinterfragen vermochte er wieder erkenntniskritisch zu öffnen, und so weiter. In gewisser Weise war er ein Philosoph, der ähnlich einem guten Schachspieler mehrere Züge in Einem sehen und durchdringen konnte.
Als er in seinen Studien der Frage nach dem “Erleben“ nachging, kam er auf die Idee sich in der Psychologischen Fakultät der Universität umzuschauen, um zu erfahren, was man dort zu sagen hatte. Mehr zufällig, wie er berichtete, kam er an das Institut von Carl Rogers, dem Begründer der personzentrierten Psychotherapie und dem ersten empirisch forschenden Humanwissenschaftler. Nach der ersten Begegnung mit Mitarbeitenden dieses Institutes meldete er sich als Klient an, denn er wollte die gehörten Theorien von innen heraus verstehen. Damit begann sein großes Lebensabenteuer.
Wir können uns vorstellen, wie er damals seine therapeutischen Erfahrungen mit den ihm zur Verfügung stehenden Kategorien der Philosophie deutete und verstand. Die psychologische Begrifflichkeit hatte für ihn sofort eine tiefere und vielfältigere Bedeutung als für die Psycholog*innen selbst. Aufgrund seines Wesens und seiner Art zu denken, machte er im Institut von Carl Rogers Karriere und beeinflusste nachhaltig auch dessen Konzepte.
Gendlin dachte philosophisch, forschte empirisch und suchte nach den Grundbedingungen des menschlichen Daseins, die den Prozess der Veränderung bewirken.
Carl Rogers, Lehrer und späterer Kollege von Gene Gendlin, hatte sich mit der Betonung auf die gegenwärtige, reale Beziehung von Klient*in und Therapeut*in diametral zur „Übertragungsbeziehung“ im Sinne der Psychoanalyse positioniert. Er hatte erkannt, dass Beziehung, die reale Beziehung von Person zu Person, die entscheidenden Wirkfaktoren für den therapeutischen Prozess beinhaltet. Zugespitzt vertrat Rogers die Haltung: die Beziehung ist die Therapie. Lambert und DeJulio bestätigen dies in ihrer Forschung: „Etwa 85 Prozent der Wirkung von Psychotherapie sind auf Beziehungsvariablen zurückzuführen und nur 15 % der Technik geschuldet“[5]. Die gegenwärtige Neurobiologie bestätigt ebenfalls eindrücklich, dass neue Strukturierungen (Lernen, therapeutische Veränderungen) abhängig von der gleichzeitig stattfindenden Beziehungserfahrung sind.
Bestätigung für den psychologischen Ansatz von Carl Rogers fand Gendlin in Heideggers Seinsphilosophie. In seinen Veröffentlichungen erweitert Gendlin das Rogers‘sche Beziehungskonzept und nimmt sowohl das Konzept der Situation als auch den konkreten Körper mit dazu. Ihm wird zunehmend klar: situatives körperliches Da-Sein gibt der personalen Beziehung Ort und Raum, also einen Erlebensort für Gefühle, Körperempfindungen und Imaginationen - einen inneren und zugleich äußeren Erlebensweltenraum, der nur im einmaligen Moment „da“ ist.
Neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität Chicago als Professor war Gendlin als Psychotherapeut und Seminarleiter tätig und hielt Vorträge auf Kongressen, im Spannungsfeld von Psychotherapie und Philosophie. Diese Facetten von Gene Gendlin erscheinen mir bedeutsam, um den Hintergrund von Focusing aus zu verstehen. Focusing ist primär keine psychologische Theorie und doch psychotherapeutisch wirksam wie auch empirisch erforscht. Focusing kommt nicht aus östlich-esoterischen Bezügen und arbeitet doch mit innerer Achtsamkeit. Focusing wird in aller Regel dyadisch praktiziert und erweitert doch systemisches Denken und Handeln. Focusing ist keine spirituelle Schule und führt doch zu „Tiefenerfahrungen“ der Person. Focusing meint den von innen gefühlten Körper und es geht um konkretes Verhalten. Focusing ist Psychotherapie und doch auch eine Methode des Denkens (TAE: „Thinking at the edge“), „Focusing … und doch …“ damit könnte ich weitermachen, es ist eine Formel die das Nichtfassbare von Focusing beschreibt.
Forschung
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Empirische Forschung mit dem/der Klient*in „Das Grundprinzip jeder ‚experiential method’ ist, dass alles, was gesagt oder getan wird, am konkret gefühlten Erleben der Person geprüft werden kann“. (Gendlin, 1995; auf der Sommerschule). |
Ende der 50er und Anfang der 6oer Jahren analysierte Gene Gendlin in seiner Forschungsgruppe hunderte Tonbandaufnahmen von Therapieverläufen. Carl Rogers war der erste, der diese empirische Forschung begonnen hatte und Gendlin führte sie in seinem Auftrag weiter. Die Tonbandgeräte waren große Apparate und umständlich zu bedienen, die Arbeitsbedingungen einfach. Das Projekt verlangte den Forscher*innen viel Enthusiasmus ab, der von einer aufregenden Fragestellung genährt wurde: Welche Bedingungen machen erfolgreiche Klient*innen erfolgreich? Hunderte Therapiesitzungen und Verläufe wurden bearbeitet. Das damals überraschende Ergebnis war, dass die erfolgreichen Klient*innen schon eine bestimmte Art der inneren Beziehung zu sich selbst mitbrachten. Für die phänomenologische Vorgehensweise ist es nicht notwendig, wirksame Determinanten des Erlebens im Forschungsaufbau auszuschließen, um im künstlichen Labor zu Forschungsergebnissen zu kommen. Die immer auch fragwürdig bleiben, wenden wir sie im „vollen“ Leben der Therapiesitzung an.
Focusing im deutschsprachigen Raum
Zu einer Fachtagung an der Universität Zürich wurde Gene Gendlin erstmals von Agnes Wild-Missong nach Europa eingeladen. Ein Besucher dieser Veranstaltung war Johannes Wiltschko. Er wurde zum ersten Initiator, später gemeinsam mit Friedhelm Köhne und Agnes Wild-Missong, für Focusing in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Friedhelm Köhne und Johannes Wiltschko gründeten 1981 die „Internationale Focusing-Sommerschule“, aus der fast alle deutschsprachigen Focusinginitiativen hervor gingen.
Die Gründerzeiten der Focusinginitiativen liegen zwar in den 80er Jahren. Doch habe ich den Eindruck, dass Focusing in unseren Landen etwa seit der Jahrtausendwende in seiner Substanz mehr verstanden wird. Die Entwicklung der Neurowissenschaften, Verbreitung systemischer und trauma-orientierter Therapiekonzepte sowie die hohe Bedeutung der Achtsamkeitsarbeit in der psychotherapeutischen Szene hat einem Bewusstsein für die praktische Anwendung wie auch für die Metakonzepte des Focusings den Weg geebnet.
Gene Gendlin in Deutschland
Gendlins erster Besuch in Deutschland im Jahre 1979 war für ihn ein großer persönlicher Schritt. Seine jüdischen Eltern waren mit ihm 1938 gerade noch rechtzeitig über verschlungene Fluchtwege in die USA emigriert[6].
Für uns in Deutschland waren seine weiteren Besuche (1992 -1997) auf der “Internationalen Focusing Sommerschule (DAF)“ von unschätzbarem Wert. Wir waren damals sehr froh, dass Gene Gendlin trotz Schreckenserfahrungen in der Nazizeit unserer Einladung nachkam. Gene, wie er allerorts genannt wurde, war ohne Allüren und zum “Anfassen“. Er sprach Deutsch mit altwienerischem Charme und war jemand, den man in seiner bescheidenen und wachen Art einfach gern hatte. Die materiellen Dinge dieser Welt waren ihm nicht von großer Bedeutung. Er trug wenig modische Hemden, schon etwas ältere Hosen, rauchte eine leichte Zigarettensorte und bestach durch seine klaren und präsenten Augen sowie dem lebendigen, sein Inneres widerspiegelndes Mienenspiel. Ein gewisser Humor, vielleicht auch etwas „Spitzbübisches“ blitzte aus seinen Augen und erschaffte besonders in ernsten Momenten einen offenen Raum für ein befreiendes Lachen.
Zuhause stand sein Computer auf einem Stapel Bücher. Papiere und Aufsätze lagen am Boden - immer war er am Schreiben seines nächsten Artikels. Vielleicht trifft der Habitus eines alten Philosophen, der seine Erkenntnisse mit visionärer Kraft den Menschen zugänglich macht, auf ihn am ehesten zu. Gespräche mit ihm geschahen ohne allgemeine Alltagskonversationen. Als ich ihn und seine Frau Mary Hendricks nach zwei Jahren wieder in New York besuchte, erkundigte sich Gene Gendlin sofort nach dem Weitergang unseres letzten Gespräches. Er hatte alles gegenwärtig und wir sprachen miteinander, als sei keine Zeit verflossen. Es gab dabei nichts Belehrendes, er hörte genau zu, wollte mich genau verstehen und antwortete aus einem großen inneren Raum heraus, der mich mit meinem Thema vorwärts trug. Dabei war er ungemein gegenwärtig, mit seinen Lebenserfahrungen, seinem Wissen, seiner Philosophie und Psychologie. Er ließ sich fragen und antwortete gerne mit “Oh ja das verstehe ich gleich“. Dann wiederholte er, was er von meiner Frage verstanden hatte, “Ist es das?“ vergewisserte er sich. Gene interessierte sich dabei auch für meine Familie und mein Leben. Spannend sind seine Erinnerungen an seine persönlichen Begegnungen mit den Gründervätern und -Müttern der Psychotherapie. Interessant war, wenn er über die einstigen Entwicklungswege der Psychotherapieforschung erzählte, wobei sein Hauptaugenmerk und seine Leidenschaft im damals sich neu entwickelnden Dialog lagen. Ein Wiedersehen mit ihm war immer überraschend und besonders. Seine Gegenwärtigkeit, seine Heiterkeit und sein Da-Sein wirkten für sich und waren in Verbindung mit seiner intellektuellen Spannkraft ein Geschenk.
Auf der Internationalen Focusingkonferenz in Wien 2026 kamen weitere Focusing-Menschen der ersten Stunde zu Wort. Johannes Wiltschko, Lore Korbei, Theresa Dawson und Dieter Müller erzählten von ihren Begegnungen und ihrer Zusammenarbeit mit Eugene Gendlin. Eine Aufzeichnung des Symposiums findet sich hier (Übertragung beginnt bei Minute 3 des Videos).
Eine Kurzdokumentation über Eugene T. Gendlin und sein Wirken kannst Du hier anschauen (in englisch, mit deutschen Untertiteln).
[1] Stumm,G./ Witschko,J. 2003: Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung. Klett-Cotta: Stuttgart. S.355
[2] Stumm, G. Wiltschko J. 2003: Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung. Klett-Cotta: Stuttgart. S.355
[3] Siehe Leonhard 2006: Leiblich Lernen und Leben. Kohlhammer: Stuttgart. S.146; und https://www.deutsches-focusing-institut.de/focusing/focusing-blog/17-basiswissen-focusing/312-focusing-und-embodiment
[4]französisch: in etwa: lebendige Begeisterung, hier auch: zentrales Lebensgefühl, - dieser Begriff ist von dem Philosophen Bergson geprägt.
[5] Lambert M./ Christensen E.R./ DeJulio S.S. (1983): The assessment of psychotherapy outcome. Wiley: New York.
[6] Siehe: Frischenschlager, O. (1994): Wien, wo sonst? Die Entstehung der Psychoanalyse und ihrer Schulen. Böhlau: Wien
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