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Der Focusing-Blog

UND im Leben UND in der Therapie

colour wheel von Pete Linforth auf Pixabay

 

Ein Beitrag von Monika (Monic) Müller


Die Idee zu diesem Thema kam mir durch die Arbeit mit Klient*innen. Ich erlebe häufig, dass sie,
wenn es um Gefühle zu ihrem jeweiligen Thema geht, zu einem Entweder - Oder neigen. "Entweder
dieses Gefühl gefällt mir > ich will es!" (möglichst noch mehr davon) oder, "dieses Gefühl stört
mich > ich will es weg haben." Mein Gedanke war UND ist, dass es im Leben um die Integration
oder wenigstens um das (manchmal sicher auch zähneknirschende) Annehmen aller Aspekte meines
Lebens geht. Im Therapiekapitel führe ich diese Sicht noch deutlicher aus. Als ich mich dann
diesem UND gedanklich zuwandte, merkte ich wie vielschichtig es ist.
Um es gleich voraus zu schicken – Nicht alle Beiträge zu dem Thema entspringen meinem eigenen
Gehirn! Im Zusammenhang mit der Idee zu dieser Arbeit kam mir der Gedanke, dass es sicher in
meinem Bekanntenkreis Menschen gibt, die – ganz im Sinne von „UND“ – noch andere Ideen als
ich zum diesem Thema haben. Diese Beiträge kennzeichne ich im Text mit einem + am Anfang
UND am Ende. UND schreibe sie kursiv.
„UND“ ein Wort mit nur drei Buchstaben UND doch aus meiner Sicht eines der wichtigsten Wörter
in unserem Leben. Ein „Bindewort“, es hat verbindenden Charakter. + Gleichzeitig auch ein Wort,
das 'in die Weite führt', wie ein Weg, der erst schmal ist, sich weitet UND neue Wege aufweist, die
aber in dieselbe Richtung gehen, um den eingeschlagenen Weg zu vertiefen, zu erweitern.....neue
Sichtweisen zu erhalten, auch fürs Leben..... +
Ganz im Gegensatz dazu „Entweder – Oder“ was nur eine Möglichkeit zulässt UND alle anderen
Positionen ausschließt.
Wieder anders verhält es sich mit dem Wortpaar: „Sowohl als auch“. Hier haben wir wieder eine,
die verschiedensten Möglichkeiten einschließende Situation. Sogar noch stärker als das UND, denn
UND kann auch etwas ausschließen was nicht dazugehört. Z.B. Mann UND Frau, hier umfasst das
UND nur Mann UND Frau, lässt die Möglichkeit anderer geschlechtlicher Orientierungen außen
vor.
Häufig finden wir UND in einem Gegensatzpaar verwandt, z.B.: hin UND her, für UND wider, Yin
UND Yan, Trockenheit UND Nässe. Gerade bei Trockenheit UND Nässe wird deutlich, wie sehr es
ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen braucht. Denken wir an das verheerende
Hochwasser im vergangenen Jahr an der Ahr oder die Dürrekatastrophen in Afrika, so wird schnell
klar, ein Zuviel oder Zuwenig in eine Richtung ist von Übel. Allerdings gibt es an derselben Stelle
nicht nass UND trocken. Hier gibt es nur entweder - oder.
All diese Gegensatzpaare werden erst erlebbar und jeweils einzeln erfahrbar durch den Vergleich
mit dem Gegenteil. Gäbe es z.B. nur Hell UND kein Dunkel so wüssten wir nicht, dass Hell hell ist.
So sagte mir vor Kurzem jemand: + „Die Sicherheit braucht die Unsicherheit um als Sicherheit
erkannt UND gespürt werden zu können.“ + Also auch hier ein UND.
Bei „Geben UND Nehmen“ spielt noch ein anderer Aspekt eine Rolle: Es kann das Eine ohne das
Andere gar nicht geben, denn nur, wenn das, was der Gebende geben will, auch vom Anderen
genommen wird, ist ein wirkliches Geben UND Nehmen möglich. Im strukturgebundenen Erleben
zeigt es sich öfter, dass das, was dem Klient*in angeboten wird, nicht das ist, was er wirklich
gebraucht hätte (z.B. in der Kindheit), er es von daher auch nicht nehmen will oder kann. Hier ist es
dann Thema einer Therapie dies, wenn möglich, zu erkennen UND vielleicht zu lösen.
Man spricht zwar auch von Leben UND Tod (stimmig als Gegensatzpaar). Doch genau genommen
gibt es hier nur Leben ODER Tod. Denn entweder man lebt oder man ist tot. Beides gleichzeitig, im
Sinne von UND gibt es nicht.
Ein ganz essentielles UND finden wir in unserem Leben bei Einatmen UND Ausatmen – nur
Einatmen bringt den Tod, nur Ausatmen ebenso.
An anderen Stellen hat UND den Aspekt von Gleichzeitigkeit, z.B. Körper UND Geist, Bewusstsein
UND Unterbewusstsein. Dieser Aspekt der Gleichzeitigkeit ist mir vor Kurzem klar geworden, als
ich versuchte einen Traum aufzuschreiben. Im Traum geschah all das, was ich danach mühsam
nacheinander mit UND verbunden aufschrieb, gleichzeitig, in einem Augenblick. Ich merkte, wie
ich beim Schreiben ungeduldig wurde, da ich gar nicht so schnell hinterher kam.
In einer Aufzählung hat UND die Funktion des Hinzufügens. Es kann auch der Steigerung oder
Verstärkung dienen, z.B. "nach UND nach", oder "sie überlegte UND überlegte......" UND kann ein
zeitliches Verhältnis kennzeichnen, erläuternd, kommentierend oder bestätigend genutzt werden,
eine Folgerung, einen Gegensatz oder Widerspruch anzeigen. Beispiele: "sie rief UND alle kamen",
"er hielt es für richtig UND das war es auch", "noch ein Wort UND du fliegst raus!", "Er UND
hilfsbereit?" (Diese Gedanken sind dem Duden entnommen) usw. = UND so weiter.
+ Die Frage, „Ja UND?“ wirft gleich neue Fragen auf, wie z. B. wie geht es weiter – was hast du
im Sinn – wo liegt das Problem – was willst du mir sagen....UND dann? +
Einige praktische Beispiele aus dem Leben:
Die Entstehung von Leben ist in den aller häufigsten Fällen davon abhängig, dass sich männliche
UND weibliche Vererbungsmerkmale vereinigen.
Bei der elektrischen Leitung beginnt die Glühbirne nur dann zu leuchten, wenn die Pole Plus UND
Minus in Verbindung gebracht werden.
In der Mathematik finden wir das + Zeichen (ich habe noch Rechnen gelernt in dem wir Eins UND
Eins zusammengezählt haben) – heute spricht man hier von: Eins plus Eins.
Auch das Kreuz hat die Form des Pluszeichens. In der Theologie wird dies u.a. auch als Zeichen der
Ganzheit gedeutet. Die Vertikale symbolisiert die Beziehung des Menschen zwischen Erde UND
Himmel, die Horizontale die Verbindung zwischen Ich UND Du, also die Beziehung zu den
Mitmenschen. Im Kreuzmittelpunkt verbinden sich diese Einzelaspekte zu einem Ganzen, was der
Herzmitte zugeordnet wird.
Das christliche Gottesbild geht von einem Gott aus, allerdings in dreierlei Gestalten: Vater UND
Sohn UND Heiliger Geist = „Dreifaltigkeit“.
+ Zwischen Vergangenheit UND Zukunft ist das verbindende Glied die Gegenwart = UND +
Bei Google maps auf der zweidimensionalen Karte, sieht man den Verlauf des Flusses – es entsteht
die Erwartung, dass dieser Fluss gut UND leicht erreichbar ist. Die dreidimensionale Realität aber
zeigt, dass der Fluss in einer tiefen Schlucht fließt, UND daher gar nicht leicht erreichbar ist.
+ Kindergerechtigkeit: Bei Kindern heißt „Gerechtigkeit“ häufig: Ich bekomme genau gleich viel
UND das Gleiche wie mein Geschwister. Eigentlich braucht aber vielleicht das eine Kind etwas
ganz Anderes als das andere. Kinder aber empfinden es häufig als „gerecht“ das Gleiche zu
bekommen oder gleich behandelt zu werden. +
Die Mischkultur in der Landwirtschaft besteht aus einer Vielzahl verschiedener Pflanzenarten auf
einem Beet oder Acker. Diese können einander im Wachstum begünstigen. Hier sehe ich das
„UND“ in dem Sinne, dass Mischkulturen dadurch viel weniger anfällig für Schädlinge sind.
Eigentlich ist jede Beziehung zweier oder mehrerer Menschen ein UND.
Im Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“ untersucht eine Gruppe von Blinden einen
Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht einen anderen
Körperteil (jeder nur einen Teil), wie z.B. die Flanke oder einen Stoßzahn. Dann vergleichen sie
ihre inneren Bilder miteinander UND stellen fest, dass jeder eine völlig unterschiedliche Vorstellung
von der Form UND Gestalt dieses Tieres hat. Jeder der Männer hat einen anderen Teil des Elefanten
erspürt UND macht sich aus dieser Wahrnehmung das “vollständige“ Bild, wie ein Elefant aussieht.
Doch erst wenn sie das UND hineingeben könnten, würde ein Gesamtbild entstehen. Das heißt, das
Gesamte ist viel komplexer UND größer als die Einzelwahrnehmung.
Seit über 30 Jahren unterrichte ich Meditation in Tanz UND Bewegung. Um die Schrittfolge eines
Tanzes den Menschen leicht UND rhythmisch beizubringen ist das dem Rhythmus entsprechende
Sprechen sehr wichtig. Gerade wenn es langsame Schrittfolgen sind, kann man aber Reeeeeechts
,Liiiiiinks, Reeeeeechts im Sprechen nicht gut hinbringen. Das Hilfsmittel in diesem Falle ist, dass
man Rechts UND Links UND Rechts UND..... rhythmisch anleitet.
Wenn ich bei einem Tanz, z.B. dem Tanz „Verwandlung“ einzelne Sequenzen oder Schritte
auslassen würde, fehlt etwas, komme ich nicht weiter – der Tanz ist nicht tanzbar! Es braucht das
UND UND UND......
+ Die Leiterin eines ambulanten Hospizdienstes erzählte mir: Sie habe in ihrem Team einen
Hospizhelfer, der, da er beruflich sehr eingespannt ist, nur selten einen Einsatz bei einem
Sterbenden annehmen kann. Irgendwann fragte er sie, ob er im Team überhaupt von Nutzen wäre,
da er ja kaum je einen Einsatz annehmen könne. Ihre Antwort darauf: „Du hast viel Kontakt mit
Leuten. Dann rede doch mit den Leuten über Sterbebegleitung UND den Hospizdienst. Es ist
wichtig, dass das Thema bekannt wird UND aus der Tabuzone herausgeholt wird.+ Hier wird
deutlich, dass innerhalb einer Gruppe jeder die zu ihm passende Aufgabe finden UND
entsprechend seiner besonderen Fähigkeiten erkannt UND eingesetzt werden kann.
Zwei Grundfarben miteinander gemischt ergeben eine ganz neue Farbe, z..B. Gelb UND Blau =
Grün, Rot UND Blau = Lila, Rot UND Gelb = Orange.
+ Sammelleidenschaft ist ein großes UND! Noch was UND noch was UND noch was.....es kann ins
Uferlose gehen. +
+„Geschichten gehen nur weiter mit dem UND. Auf dem UND lässt sich aufbauen, den Faden
weiterspinnen.... Letztendlich führt uns das UND in die Ewigkeit, ins Land der unbegrenzten
Möglichkeiten, denn hinter jedem Horizont gibt es einen weiteren!“ Dies die Erkenntnis einer
Märchenerzählerin. UND WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND, LEBEN SIE NOCH
HEUTE!..... +
Die Doppelfühligkeit unseres Körpers ist ein deutliches UND. Das heißt, wir spüren sowohl die
Hand die den Bauch berührt, als auch den Bauch, der die Hand berührt. UND diese Beziehung kann
in einem Focusingprozess in das Erleben einbezogen werden UND bestimmte Erfahrungen möglich
machen. Ein weiser Mann drückt dies folgendermaßen aus: +„ Ich bin niemand von denen,/ die den
Körper verachten./Ich bin überzeugt,/ dass der Körper/ die Sonde, das Maß, der Schlüssel / für die
gesamte Schöpfung ist. / Denn der Körper ist das Einzige / in der Welt, / das wir von außen / und
von innen zugleich erfahren. / Er ist infolge dessen / der Weg, / auf dem wir / ins Innere aller Dinge
gelangen / können.“
Shantidas +
Bei Teresa Dawson lese ich: „Traum UND Realität “ (Artikel zu einer Focusing - Publikation des
fzk April 1997 /korrigiert März 1999) + „Quer durch die Weltliteratur ist schon viel über die
Realität philosophiert worden. Die Auffassung, dass 'wachsein' wissend, bewusst, normal sein
bedeutet UND 'träumen' unwissend, unbewusst, verrückt sein heißt, ist doch weit verbreitet. Sie
erschwert allerdings den Zugang zu einem enormen geistigen Potential, welches im physischen
Körper mitangelegt ist, UND was wir bei weitem nicht ausschöpfen. Das Wachsein ist ein schmaler
Bereich des menschlichen Spektrums. Träumen ist ein Bewusstsein in anderen Dimensionen.
Traum- UND Wachzustand sind von Natur aus nicht voneinander getrennt, sie sind in konstanter
Wechselwirkung. Nicht nur, dass Bestandteile des Alltages in die Träume rutschen - traumähnliche
Momente finden wir in jedem Tagesablauf. Sie sind wie Schlupflöcher zur erweiterten, nicht an
Raum UND Zeit gebundenen Bewusstseinsebene. Alle Formen des Träumens gehören zum Leben.
Sie sind ebenfalls Bestandteil unserer komplexen Psyche und beeinflussen wesentlich unsere
seelische, geistige und körperliche Gesundheit. …...“ +
Der Begriff: „Interbeing“ geprägt von dem buddistischen Meditations-Meister Thich Nhat Hanh
würde ich im Deutschen mit „Verbundenheit“ übersetzen. - Alles ist mit Allem verbunden. Nichts
kann getrennt voneinander betrachtet werden. Die natürlichen Zusammenhänge unserer Umwelt
UND unseres gesamten Seins basieren darauf. Ich bin mir nicht im Klaren, ob diese Art die Welt zu
sehen noch ein UND ist, oder eine noch viel tiefgreifendere Verbundenheit ausdrückt.
Mir wird fast schwindelig, wenn ich überlege, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt das
Wort UND zu verwenden. UND ich habe hier sicher nur eine kleine Auswahl aufgezeigt..........

UND in der THERAPIE
Einer der ersten Sätze, die ich in der Focusingausbildung gehört habe, war: + „Respekt – Respekt
UND - Los!“ + von Klaus Renn geprägt.
Ich möchte nun einige Therapietechniken aufzeigen UND einige Beispiele aus dem Erleben von
Klient*innen. Mir ist bewusst, dass diese Ausführungen lange nicht das ganze Spektrum abdecken.
Es sind Fassetten eines viel weiteren Feldes.
Gene Gentlin begann Mitte der sechziger Jahre Untersuchungen zur Wirksamkeit von
Psychotherapien. Dabei stellte er fest, dass erfolgreiche Therapien häufig damit einhergingen, dass
die Sprechweise der Klient*innen langsamer, unklarer und diffuser wurde UND sich deren
Aufmerksamkeit in den Körper verlagerte. Er erkannte, dass diese Klient*innen nicht mehr nur
über ihre Gefühle UND ihr Denken sprachen, sondern sie richteten ihre Aufmerksamkeit nach innen
mit einem freundlichen Interesse, ohne ganz in die Gefühle hinein zu fallen. Der „innere
Beobachter“ - (Felt Sense) war „geboren“. Gendlin hatte hier ein großes UND bedeutsames UND
entdeckt.
Im therapeutischen Kontext erlebe ich häufig zu Beginn der Therapie bei den Klient*innen den
Wunsch , dass das ,was im Augenblick in ihrem Leben störend wirkt, weg sein soll!!! – es
„ausgemerzt“ werden muss!!! Nur so glauben manche Klient*innen kann ihr Leben leichter werden.
Die so angestrebte „Lösung“ ist, dass die hinderlichen Gefühle nicht mehr gefühlt werden – also
wunschgemäß „nicht mehr vorhanden sind.“
Meiner Ansicht nach ist es jedoch wichtig, anzuerkennen, dass das, was mich heute bedrängt, stört
oder bedrückt, zu meinem Leben gehört. Dass diese Art des Handelns oder Nichthandelns zu
irgendeiner Zeit meines Lebens – häufig in der Zeit der Kindheit, überlebenswichtig für mich war.
Im Laufe des weiteren Lebens hat sich diese, ehemals wichtige Handlungsweise aber
verselbstständigt. Es entstehen „Überlebensstrategien“, die heute nicht mehr angemessen sind.....
Dies nennen wir in der Sprache des Focusing eine „Strukturgebundenheit“. Gendlin spricht bei der
Entstehung einer Strukturgebundenheit von + „den Stellen im kindlichen Erleben, wo etwas NICHT
vorhanden ist.“+ Das heißt, das Kind hat nicht das bekommen was es zum natürlichen Wachstum,
innerlicher wie äußerlicher Art, gebraucht hätte. Geschieht dies in häufiger Wiederholung, kann
sich daraus eine „Überlebensstrategie“ bilden. Das Kind hat mit den ihm zur Verfügung stehenden
Handlungsmöglichkeiten einen Weg gefunden, „einigermaßen“ zu dem zu gelangen, was es
dringend brauchte.
Nun ist es interessant, den Klient*in mithilfe der inneren Achtsamkeit entdecken zu lassen, bzw. der
Frage nachzuspüren: Wovor will mich diese alte Überlebensstrategie schützen? Was ist mein
wirkliches Bedürfnis? Was ist das, was leben will? Hier kann Therapie unterstützen, zunächst
wertfrei anzuerkennen, was war UND augenblicklich ist. Was nicht heißt , dass es auf alle Zeiten so
bleiben muss, sondern, dass etwas Neues (UND) dazukommen kann wenn ich bereit bin mich zu
öffnen. Gene Gendlin drückt es wie folgt aus: + „Was von uns abgespalten ist UND nicht gefühlt
wird, bleibt unverändert, wenn wir es aber fühlen, wandelt es sich ….. wenn es in Ihnen etwas
Schlechtes, Krankes, Ungesundes gibt, lassen Sie es in Ihrem Inneren leben UND atmen. Nur so
kann es sich entwickeln UND die Form annehmen die es benötigt“. +
Ich bin überzeugt davon, dass Heilung nur geschehen kann, wenn die „schlimmen“ Erlebnisse des
Lebens nicht ausgeklammert oder verleugnet werden, sondern nur wenn sie angenommen UND
integriert werden.
In der Therapiesituation ist der Therapeut*in der Spiegel des Klient*in. Das heißt, der Klient*in
braucht den Therapeut*in um sein Verhalten zu überprüfen UND/oder seine
Strukturgebundenheiten, die ja häufig unbewusst sind, wahrzunehmen. Dies ist ein erster wichtiger
Schritt, um aus der damit häufig verbundenen Einengung aussteigen zu können. Also sind
Therapeut*in UND Klient*in mit UND verbunden.
Das UND in der Therapie hat auch damit zu tun, dass der Klient*in ein „Gegenüber“ =
Therapeut*in bekommt. Die geschützte UND verständnisvolle therapeutische Atmosphäre kann
dem inneren Wiedererleben schwieriger Situationen seines Lebens eine andere Qualität geben.
Diese kann bewirken, dass ein bisher gestoppter Prozess weiter gehen kann …...
Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder die Botschaft vermittelt bekommen: „Sei tapfer!
„Wisch die Tränen ab UND mach weiter“ – wenn du schon weinen musst, tue es möglichst im
stillen Kämmerlein, d.h. allein“. Im Laufe eines Focusingprozesses kamen mir sehr, sehr stark die
Tränen. Ich versuchte dies zu „bändigen“ , mich zu entschuldigen, mein rückwärtiger Nacken
verkrampfte sich schmerzhaft UND ich schämte mich. Meine Begleitung prägte den Satz, der mir
seit dem sehr wichtig geworden ist: „Sei tapfer UND lass die Tränen fließen“ Es war unglaublich
erleichternd!
Ebenso erging es mir in einem Trauerprozess. Nach zwei Jahren der Trauer wurde ich langsam
ungeduldig mit mir selber (der Kritiker ließ grüssen), dass „noch immer“ die Trauer nicht
überwunden war. Gleichzeitig hatte ich auch einfach eine Sehnsucht nach unbeschwerter Freude
UND Leichtigkeit. Im Gespräch mit einer Freundin wurde mir deutlich, wenn ich innerlich
anerkennen kann, dass diese beiden, gegenteiligen Gefühle also Trauer UND Sehnsucht nach
Leichtigkeit in mir da sind, UND ich dies auch anerkenne, wird es leichter! (Atemzug)
Die Teilpersonenarbeit im Focusing UND in anderen Therapieformen ist ein UND . Wir Alle haben
diese „Teilpersonen“ in uns d.h. wir sind UND und UND und UND.......... ( inneres Kind, Kritiker,
usw.)
In dem Buch „Auf Stelzen gehen“ S. 124 beschreibt ein magersüchtigen Mädchen die Erkenntnisse
in ihrem Therapieverlauf wie folgt: + „Ich verstehe immer mehr. Mein Ganz-oder-gar-nicht. Alles
muss ich voll durchziehen, begreife nicht, dass es auch Zwischenstufen gibt. Manchmal vielleicht
hilfreich: Wenn ich lernen muss, lerne ich, wenn ich arbeiten muss, arbeite ich. Manchmal aber
auch tödlich anstrengend: Wenn ich nicht dick sein will, muss ich verhungern. Wenn ich nicht zu
viel Alkohol trinken will, darf ich gar nichts trinken. Wenn es mir gut geht, darf es mir niemals
schlecht gehen. Wenn ich trauere, darf ich nicht lachen. So wird jede Entscheidung eine endgültige
Entscheidung, eine unpassend ernste Entscheidung. ….. Langsam erst begreife ich, dass es nicht so
sein muss. Dass es vielerlei sein kann und vielerlei dazwischen...... +. Sie erkennt ganz allmählich,
dass es lebensförderlicher wäre ein UND zu leben.
Bei Geneen Rot , die zum Thema Essstörungen forscht, finde ich einen Text, der mir aus dem
Herzen spricht:
+ Beim Heilwerden geht es darum, / unsere Herzen zu öffnen, / nicht sie zu verschließen, / Es geht
darum, die Stellen in uns, / die Liebe nicht einlassen wollen, / weich zu machen. / Heilung ist ein
Prozess. / Beim Heilwerden schaukeln wir hin und her / zwischen den Misshandlungen der
Vergangenheit / UND der Fülle der Gegenwart / UND bleiben immer öfter in der Gegenwart / Es
ist das Schaukeln / das die Heilung bewirkt, / nicht das Stehenbleiben an einer der beiden Stellen /
Der Sinn des Heilwerdens / ist nicht, für immer glücklich zu werden, / das ist unmöglich. / Der Sinn
der Heilung ist, / wach zu sein UND (das eigene) Leben zu leben, / nicht bei lebendigem Leibe zu
sterben / Heilung hängt damit zusammen, / gleichzeitig ganz UND zerbrochen zu sein .
Geneen Roth +
Eine Freundin drückt es wie folgt aus: + „Das UND lässt Raum für das Andersartige, das Fremde,
das Unbequeme, Erschreckende, Unübliche usw. - gehe ich in das UND, befasse ich mich mit der
Gegenseite meiner eigenen (vorgefassten?) Meinung, wende mich ihr zu, bin neugierig, befasse
mich damit, kann eine neue Sichtweise gewinnen, zeige Bereitschaft für Integration, bin
aufnahmefähig.....“ +
Bei körperlichen Erkrankungen ist eine kompetente medizinische Versorgung ausgesprochen
wichtig. Doch der UND Faktor, nämlich liebevolle Zuwendung sowohl von Ärzt*innen UND
Pflegepersonal als auch Besuche von lieben Menschen sind auf andere Weise sicher ebenso wichtig.
In dieser Beziehung ist auch der Blickwinkel auf eine Erkrankung maßgeblich. Ein Bekannter
schrieb mir, als ich nach dem Thema des UND fragte:
+ „Krank UND doch glücklich, so könnte man das Leben von Renate (seine Ehefrau) in den
letzten 10 Jahren beschreiben. Als ihr ein Arzt vor 11 Jahren erklärte, dass sie eine Krebsart hat,
die man bis heute nicht heilen kann, war das natürlich eine ziemlich deprimierende Aussage. Nach
all den Operationen fand sie immer wieder ihre Lebensfreude. "UND ich lebe. UND es geht mir
trotz allem gut. UND ich bin glücklich. UND ich habe eine wunderbare Familie.“ +
Sie üben sich immer wieder in der Einstellung: „Es ist lebensgefährlich UND es gibt mehr als
das......."
Ein sehr intensives UND sind Mehrlingsschwangerschaften. Inzwischen gehen verschiedene
Wissenschaftl*innen davon aus, dass etwa jede zehnte Schwangerschaft als Mehrlingsschwangerschaft
beginnt, dass häufig aber in der frühen Schwangerschaft, von der Mutter
unbemerkt, ein Embryo abstirbt. Der überlebende Zwilling hat jedoch, ohne zu wissen woher,
häufig in seinem Leben mit Verlustängsten, häufig auch mit ganz unerklärlichen Angstzuständen zu
tun. In einer Familienaufstellung oder auch in einer sonstigen Psychotherapie ist es möglich, darauf
einzugehen UND sich einer inneren Lösung zu nähern.
Ebenfalls in einer Familienaufstellung ist es frappierend zu erleben, was innerhalb des Systems
geschehen kann, wenn eine bisher tabuisierte oder anderweitig im System ausgegrenzte Person (hier
das UND) hineingestellt wird. Häufig kommt es dann zu Erleichterung UND mehr Klarheit.
Ein zusätzliches Medium in der Therapie, außer dem verbalen Ausdruck, empfinde ich als eine
Bereicherung der Arbeit. Es wird nicht nur die Kognition angesprochen sondern andere eher
vernachlässigte Ebenen des Menschen. Ich denke hier an z.B. Tanz-, Kunst-, Mal-, Musik- UND
natürlich Körpertherapie. (die mir am vertrautesten ist)
Körpertherapie ermöglichst u.a. durch Interventionen wie „Abnehmen“ z.B. von Druck oder
Spannung im Körper, „Übernehmen“ z.B. von inneren Stimmen, Bewusstmachung der
Körperhaltung (Körperskulptur) mit dem Hineinspüren, was diese Haltung bewirkt, Erfahrungen, die
tiefer in ein gefühltes Erleben gehen UND daher wirksamer sein können, als z.B. reine
Gesprächstherapie.
Unlängst habe ich von der „Eseltherapie“ in Äthiopien erfahren, bei der körperlich beeinträchtigte
Kinder unter Anleitung die Pflege von Eseln übernehmen. Nachdem die Kinder mit den Eseln
gearbeitet haben, spricht die Gruppe über die Erfahrungen der Kinder. Es wird beschrieben, dass
durch die Eseltherapie sowohl die sozialen, motorischen UND geistigen Fähigkeiten der Kinder
gefördert werden UND die Therapie sogar bei Depressionen hilfreich ist.
Eine spezielle Therapieform ist die Arbeit im körperwarmen Wasser. Hier wird es möglich, einen
Erwachsenen zu tragen, zu halten UND zu bergen wie ein Baby, ohne dass sich der/die Getragene
als Last vorkommen muss. Denn die Tragkraft des Wassers nimmt dem/der Tragenden die
allermeiste Last ab. Das körperwarme Wasser bietet außerdem unbewusst Assoziationen zu der Zeit
im Mutterleib. Geschieht dies im therapeutischen Kontext, so können sich auf diese Weise sehr
frühe Traumata (vorsprachlich UND evtl. auch vorgeburtlich) fast ohne Worte lösen. Man könnte es
auch als Refilling bezeichnen. Das UND beziehe ich hier auf die „Mithilfe“ des warmen Wassers
UND das Halten UND die Präsenz des begleitenden Therapeut*in. Die Resonanz der TN ist häufig
das Spüren einer großen Ruhe, eines Vertrauens UND einer Geborgenheit, die sie sonst so nicht
erfahren. Dieses Fühlen hält häufig über längere Zeit an. Ein sowohl für den/die Erfahrenden als
auch für den/die Begleitenden sehr berührendes Erleben.
+ „Der Körper ist in der Situation UND die Situation ist im Körper“ + ein Zitat von Gene Gentlin
Im Hakomi nutzen wir zu Anfang eines Gruppenseminars häufig die sog. „Blinkingübung“: Die TN
stehen einander in zwei Reihen gegenüber. Eine Reihe schließt die Augen. Während dessen
wechseln die Anderen schweigend ihre Plätze. Wenn die Menschen mit den geschlossenen Augen
die Augen nun für einen kurzen Augenblick öffnen, schauen sie einen unvertrauten Menschen an.
Nun ist die Aufgabe derer die schauen, zu erspüren, was die gegenüber stehende Person in ihnen
auslöst an Gefühlen, Erinnerungen, Körperreaktionen usw. Der Sinn des Setting ist, zu erfahren,
dass das, was ich meine/glaube beim Anderen zu sehen, eine Projektion sein kann UND/oder ich
etwas beim Anderen erkenne, was wirklich mit ihm/ihr selbst zu tun hat. Der anschließende
Austausch miteinander kann das Eine oder das Andere bestätigen. Hier wird Etwas erfahrbar, was
im Alltag unbewusst sehr häufig abläuft UND Beziehungen verwirren kann.
Die Frage einer älteren Klientin: „wer bin ich eigentlich, wenn mein Leben nur aus Überlebenskampf
mit vielen Notlügen bestanden hat?“ Ihr Bild ist, dass sich Schale für Schale das abschält,
was sie von Anderen als „so ist es richtig“ aufgeprägt bekommen hat. Meine Idee, nichts muss weg,
sondern ein UND kann dazu kommen. In dem Sinne, dass sie das, was sie erst jetzt, in einer Zeit in
der es nicht mehr ums reine Überleben und Funktionieren geht, als essentiell ihres entdeckt, ein
deutlicheres Gewicht bekommt. - Dazu ein Zitat von Virginia Satir : + „Was ich heute bin, ist ein
Hinweis auf das, was ich gelernt habe, aber nicht auf das, was mein Potential ist.“ +
„Funktionieren“ kann man auch ohne zu fühlen. In der Therapie geht es mir darum, die Menschen
auch fühlen zu lassen UND, dass daraus eine beseelte, bejahte Funktionalität oder auch ein
entsprechendes Nichtstun erwachsen kann.
Im Rahmen einer Hakomi Gruppentherapie schilderte eine Klientin ein Erlebnis wie folgt: .... in
dieser Situation waren plötzlich all der Schmerz, die Tränen UND die Verwirrung so präsent in mir,
ausgelöst durch dieses kurze Abseits-Gesprach mit Rainer (der Therapeut). Dieses Erleben hat so
plötzlich eingesetzt, weil ich so "überrumpelt" war, dass meine habituellen Schutzmechanismen
(zum Glück) nicht genug Zeit hatten, einzuspringen - UND ich habe dem ganzen Rahmen auch
genug vertraut, um mich dem öffnen zu konnen, UND fur den Moment (UND den nächsten UND
den nächsten...) erstmal dabei zu bleiben, bei meiner Erfahrung…
Ihren inneren Prozess beschrieb sie mit folgendem, kurz nach dem Erlebnis notierten, und später in
der Gruppe beschriebenen Bild: ....: + Ich habe in mein Heft zwei sozusagen Amöben-förmige
Figuren gemalt, also Amöben-förmige Umrisse. Beide gleichgeformt. Aber nebeneinander, mit
Abstand, getrennt. Die eine Figur steht fur das alte "Schema", also mein altes "Muster" (mit allen
Erinnerungsspuren, allen Gedanken, allem emotionalem UND körperlichen Erleben UND allen
Impulsen, die damit verbunden sind): das Schema des Mich-abgelehnt, nicht-willkommen, nicht
wahrgenommen, letztlich "nicht da"-Fühlens. (Strukturgebundenheit) Die andere Amöben-Figur
steht fur die Realitat (auch die Welt "draußen"), also: was ist in echt wirklich da, also in dem Fall
Rainer (wie er wirklich grade da ist) mit dem, was er (wirklich) sagt, was er ausdrückt UND auch
was ich daraufhin empfinde, wenn ich versuche, mich nur darauf einzulassen.
UND auf dem zweiten Bild habe ich beide Umrisse nochmal gemalt, da aber sozusagen
übereinander gelegt (wie ich beim Beschreiben in der Gruppe dann auch meine beiden Hände
übereinander gelegt habe). Also in der Zeichnung mit etwa einem Millimeter Abstand dazwischen,
aber eben nicht nebeneinander, sondern wie zwei Flächen aufeinander drauf. Beide noch erkennbar
als zwei, aber eben übereinanderliegend, wie zwei ausgeschnittene Blätter, die man aufeinander
legt. UND das ist dann das Bild fur mein Gefühl, was entsteht, wenn es mir gelingt, beides
zusammenzubringen (dadurch, dass ich mein Erleben Rainer gegenüber angesprochen habe UND
es (diese) Resonanz bei ihm gefunden hat, die wiederum bei mir angekommen ist). Was in meinem
Erleben dann damit einhergeht, dass es sich nicht mehr anfühlt wie ein verwirrendes, sehr
angespanntes "Entweder-Oder??", sondern wie "UND.": Beides ist da, sozusagen im gleichen
Raum, wo vorher zwei getrennte dimensionale Räume waren. Es schließt sich dann nicht mehr aus
UND verwirrt mich nicht mehr so, es kann sich dann in mir eine gewisse Ruhe einstellen. UND es
gibt gewissermaßen noch einen dritten Raum, in dem das alles stattfindet UND das bin ich in der
Welt jetzt (das ist dann im Bild das Blatt, auf das ich die beiden Figuren gemalt habe). + Sie
beschreibt hier sehr deutlich, dass es um mehr als nur das kognitive Verstehen ihres Handelns geht
sondern, dass das neue - andere Erleben das Wichtige UND Heilsame ist.
Ein geflügeltes Wort im Focusing ist zum Abschluss einer Therapiestunde der Satz: + „…..wenn du
das, was du jetzt erspürt hast …...UND auch alles was wir nicht darüber wissen, zusammen
nimmst...... UND es ein Ganzes werden lässt......“ + In einem Prozess können wir immer nur einige
Aspekte des Ganzen erkennen UND benennen. Doch im inneren Universum dieses Menschen ist
noch viel mehr, was sich in einen Schritt hineinrechnen kann bzw. was wirkt. Es impliziert die
„Erlaubnis“ nicht Alles wissen zu müssen UND gerade daraus kann ein nächster Schritt entstehen.
So ist dies UND eine sozusagen UN(D)endliche Geschichte, die Jede UND Jeder für sich fortführen
mag..........

 

 

 


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