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Der Focusing-Blog

Unerwartet, aber gut!

Unerwartet, aber gut!

Ein Beitrag von Katrin Spies-Gußmann

Ich begleite Familien seit vielen Jahren in meiner Praxis physiotherapeutisch und körperpsychotherapeutisch. Hierzu gehört auch die Unterstützung von Familien, in denen ein Kind mit persistierenden frühkindlichen Reflexen zu tun hat. Diese können die Entwicklung, Wahrnehmung, Verhalten und Lernen massiv stören. Oft ist für die Kleinen der Alltag sehr anstrengend und in den Familien entwickelt sich ein hohes Stresslevel.

Bevor ich aber weiterschreibe, erlauben Sie mir eine ganz kurze Erklärung zu den frühkindlichen Reflexen: Unsere gesamte Entwicklung hat Bewegung als Grundlage. Die frühkindlichen Reflexe, mit ihren spontanen Bewegungen geben dem Gehirn Erfahrungen für Bewegung, Lernen und sozialem Verhalten. So reift das Gehirn immer weiter und koordiniert als Schaltzentrale wieder den Körper. Gibt es in diesem System Störungen, geschieht jede weitere Entwicklungsstufe mit Lücken. Je nach Störfaktor ist dies im Bereich Motorik und Konzentrationsfähigkeit, Sprache und Hören, Lernen, Verhalten und das natürlich alles in Kombination.  So sind häufig ganze Familien überfordert. Mit Focusing hier eine Entlastung zu bringen, finde ich ein wunderbares Instrument, was auch zu Hause eingesetzt werden kann und Bindungen schafft und verstärkt. Sei es zum eigenen Körper, der eigenen Seele und innerhalb der Familie.

In den letzten Jahren bin ich leider langsam erblindet. In dieser Zeit musste ich immer wieder neu zu mir finden und habe in dem Zusammenhang auch Focusing kennen und lieben gelernt. Im letzten Jahr konnte ich so manchen Erwachsenen ein Stück mit Focusing begleiten und gerade befinde ich mich bei Bettina Markones in den Kursen zum Kinderfocusing. Was da geschieht, ist wirklich auch selbst noch einmal Kind werden und ich hatte das Gefühl: Wieder ein Puzzleteil, was meine Arbeit mit den Familien ganzheitlich macht.

So möchte ich heute eine kleine Behandlungsbegegnung beschreiben, die mich selber überrascht hat und so viel für die Familie gebracht hat.

Ich habe einen 5-jährigen Jungen in Behandlung, Max. Die Eltern kamen mit der Anfrage nach einem Entwicklungsstatus. Er kommt im Sommer in die Schule, obwohl er von der Entwicklung je nach Bereich, 5-18 Monate zurück ist. Seine Emotionen fahren Karussell und er kann oft nicht situationsangepasst reagieren.

Im Kindergarten reden sie von einer Hypersensibilität und hoher Intelligenz. Zudem berichten die Erzieherinnen, dass das Kind sehr unruhig und im Verhalten oft böse sei. Es wird dringend empfohlen, dass die Mutter das Kind überprüfen lässt.

Die Eltern sind verständlicherweise verzweifelt und auch geschockt über die Aussagen.

In seinem Befund sind stark persistierende frühkindliche Reflexe zu erkennen, die die Entwicklung blockieren. Eine Arbeit an der Ausreifung des Gehirns, damit normale Entwicklung, möglich ist, wurde notwendig.

Auch in unseren Sitzungen erlebte ich ähnliche Situationen wie die Eltern zu Hause und der Kindergarten. In meinen Augen war das Kind aber stets überfordert.

Viele motorische Anforderungen mit Gleichgewichtsreaktionen lassen ihn entweder Ängste aufbauen oder er ist wütend über sich. An dem Tag, von dem ich erzähle, wollte ich mit Körperwahrnehmung und Übungen, die zu dem Bereich dazu gehören, arbeiten.

Wir suchten uns einen Platz im Raum und fingen an zu arbeiten. Es dauerte nur kurz, bis ich merkte, dass er es nicht schaffte, den Aufforderungen zu folgen. Er wurde so richtig stinkig. Weder die Mutter noch ich bekamen ihn ins „Boot“ um weiterzumachen, denn er war zusätzlich müde und wollte gerne schlafen. So wechselte ich innerlich die Rolle und hörte auf, als Physiotherapeutin zu agieren. In diesem Moment war es wichtiger, den verloren gegangenen Kontakt zu ihm wieder aufzubauen.

Ich habe in der Praxis ein Hundebett. Das zog ich heran und fragte den Jungen, ob dies gut wäre. Er legte sich hinein und wollte aber auch noch eine Decke, die er natürlich bekam. Das Kind machte es sich erst einmal gemütlich und ich setzte mich zu ihm.

Von dort aus habe ich immer wieder, wie von draußen angeklopft und ein bisschen Einladungen zur Körperwahrnehmung ausgesprochen. Irgendwann kamen wir wieder in Kontakt und es ging so weiter:

„Hallo, bist du da oder ist da nur Wut?“ Stille! „Hallo Max, bist du da? - Keine Antwort. „Hallo Wut, bist du unter der Decke?“ Ich bekam ein Brummen.

 Das war der Moment, als ich mich an die Mutter gewendet habe. Ich habe ihr erklärt, dass es sein könne, dass ich sie als Assistentin brauche. Sie müsse evtl. mir jetzt die Augen ersetzen. Mehr brauchten wir nicht an Kommunikation.

Dann habe ich Max gefragt, ob ich nochmal weggehen und Zettel und Stift für ihn holen darf. Oder Zettel, Stift und Knete. Nachdem er einverstanden war, habe ich das Benötigte geholt. Zurück bei Max habe ich gesagt: „Ich würde dir die Sachen ja hineinschieben, aber ... Ich glaube, das ist zu weich zum Malen. Es wäre doch sonst schön mal zu malen, wie die Wut unter der Decke sich anfühlt, oder?“ 

Daraufhin kam er Max so weit raus, dass er die Hände und den Kopf in Richtung Fußboden nehmen konnte. Das sah echt putzig aus. Als er so wieder in einem guten Kontakt mit mir war, habe ich gefragt: „Wie ist denn deine Wut? Vielleicht kannst du sie noch nicht ausdrücken, aber sie hat eine Farbe.“

Da fing er wirklich an, so etwas wie ein Smiley zu malen. Mit Pfeilen und in Rot. Danach war er wieder unter der Decke verschwunden. Daraufhin haben wir wieder ein bisschen was mit dem Körper gemacht. Dann fing er an, mir Fragen zu stellen. Ich sagte: „Wenn du magst, guck dir deine Wut nochmal an. Willst du sie nochmal anders malen?”  Daraufhin hat er sie rot gemalt, aber die Pfeile waren weg.

So haben wir immer weitergearbeitet. Ich habe gefragt: „Was braucht deine Wut denn jetzt?” „Ein paar Kuscheltiere.“ „Braucht die Wut Kuscheltiere? Soll ich die neben die Wut setzen oder nimmst du sie in Vertretung?“ Ich holte Kuscheltiere und Max hat sie unter die Decke genommen. Irgendwann kam er wieder heraus, nahm sich ein Blatt Papier und malte einen gelben Smiley.

Seine Mutter saß die ganze Zeit daneben und hat mir beschrieben, was er gemacht hat auf dem Papier. Und dann fragte ich: „Ist die Wut jetzt gelb? Warum das denn?“ „Ja, sie ist nicht mehr so wütend."

Ich habe hinterher hier gesessen und gedacht: Boah, ist das großartig! Dann habe ich mir alles aufgeschrieben. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich in meiner Arbeit ein zusätzlicher Effekt eingeschlichen hat durch die Erblindung. Wenn ich eines der Eltern bitte, mir zu assistieren und meine Augen zu ersetzen, dann sind sie mit im Prozess, statt nur zu beobachten. Die Eltern bekommen noch viel deutlicher mit, was in der Therapiestunde geschieht. Diese Beteiligung führt häufig dazu, dass sich die Sichtweise des Elternteiles auf das Kind verändert, es entsteht ein tieferes Verständnis für das Kind. So habe ich eine sehr spezielle, systemische Arbeitsweise entwickelt.

Trotz der starken Wut war es ein gutes Miteinander zwischen Kind, Mutter und mir und Max ging entspannt heraus. In meinen Augen eine gute Ausgangsstellung für weitere Sitzungen.

Es ist gut, wenn wir uns komplett auf die Situationen einlassen können und Körper und Seele der Kinder reden lassen in aller Zeit, die sie brauchen, was leider in der Physiotherapiepraxis nicht immer möglich ist.

2 Sitzungen später, kann Max sich auf die schweren Übungen und Regeln einlassen und malt den Smiley gelb und fröhlich und sagt: „Ich bin fröhlich.“

 

 

 


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