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Der Focusing-Blog

Mein Hintergrund im Vordergrund

Mein Hintergrund im Vordergrund

Eine poetische Annäherung an das innere Erleben.

Focusing nennen wir das Verweilen mit dem noch Unklaren. Wozu soll das gut sein, mit etwas zu verweilen, das unklar ist? Ein eher unbequemer innerer Ort, an dem man es sich nicht so leicht gemütlich machen kann. Gendlin nennt diesen Ort die „murky zone“. Wir finden sie unter oder hinter unseren gewöhnlichen Gefühlen. Das englische Wort „murky“ hat eine Bedeutungswelt von trübe, nebulös, verschwommen, unklar … mit einem Unterton von etwas Ungutem oder Unübersichtlichem. Es führt uns zu einer körperlichen Atmosphäre, in der es nicht ganz glücklich, sondern irgendwie ungemütlich ist. Warum dort verweilen?

Der gute Grund dafür ist, dass wir hier ganz in die Nähe der Entwicklungskraft des Körpers kommen, die jedes lebendige Wesen hat. Ein grundlegendes Wissen über Wachstum, Entwicklung und Entfaltung, das kein Gehirn benötigt. Es ist einfach da, in jeder Pflanze, in jedem Einzeller und eben auch in jeder menschlichen Zelle. Im Focusing nennen wir es Carrying Forward. Focusing ist wie eine Tür dorthin. Wenn wir mit dem Unklaren, Trüben verweilen, wird sich nach einiger Zeit, vielleicht nach 30 Sekunden, vielleicht nach zwei, drei, vier Minuten, etwas verändern. Etwas anderes wird spürbar oder zumindest ahnbar: Eine feine, vielschichtige, verwobene Vielheit, das Implizite wird vage wahrnehmbar. Wir können es im Körper spüren und doch weist es mit seinem MEHR über den Körper hinaus.

Der lebendige Körperprozess wird nach dieser kurzen Zeit aus sich selbst heraus beginnen, Gestalt für das Unklare zu finden. Das Unklare bleibt nicht so unklar, sondern entfaltet sich von selbst in Ahnungen, inneren Atmosphären und weiter in Gefühle, Worte, Bilder, Gedanken, Impulse. Dazu braucht es nicht mehr und nicht weniger als diesen Raum von Zeit und Aufmerksamkeit, die wir ihm geben. Der Kontakt mit diesem Prozess hat etwas zutiefst Befriedigendes und Berührendes. Der unbequeme Zugang der „murky zone“ belohnt uns mit einem vertieften und stimmigeren Gefühl für uns selbst. Daraus kann alles Mögliche erwachsen – neue Gedanken und gute nächste Schritte für ein Projekt oder Problem, Trost für schwere Gefühle, kreative Entfaltung und Ausdruck.

Die Künstlerin und Focusing-Therapeutin Janika Görres schreibt in poetischen Worten über diesen Prozess des Verweilens mit dem Unklaren, oder sagen wir, sie schreibt aus diesem Prozess heraus. Sie lässt Worte entstehen und nimmt mich als Leserin in kurzen Texten mit in ihre innere Welt, die manchmal murky ist und manchmal klar.

„Zaghaft krabble ich an den Rand und schaue hinüber.

Mein Körper bebt, meine Gedanken sind viele.

Da unten ist etwas. Ich habe es gespürt.“

Die Texte sind aus Selbstfocusing-Prozessen entstanden. Janika beschreibt sie als Möglichkeit, sich selbst in der Welt zu verkörpern. Ihr Pendeln zwischen dem Unklaren und dem, was sich daraus erhebt und formt, kann ich beim Lesen nachfühlen. Und die Beschäftigung mit ihren Texten löst bei mir aus, dass ich selber jetzt und hier, beim Schreiben dieses Textes, in eine ahnende, tastende und suchende Stimmung gerate, in der ich die Worte behutsam prüfe, bevor ich sie zu Papier bringe. Stimmt es schon so? Oder doch ein wenig anders?

„Ich halte es warm.

Es ist nicht kalt, nur zart.

Als die Hand auf meiner Brust lag,

bin ich dahinter gekommen.“

Janika geht es um die Suche nach Authentizität und unverstelltem Ausdruck als Künstlerin und als menschliches Wesen. Eine Sehnsucht, vom Leben beantwortet zu werden als das, was sie aus sich heraus ist. Und sie kennt die schmerzliche Erfahrung, dass sich die Erwartungen und Vorgaben der Welt auf kalte, kantige Weise in ihr eigenes Sein hineinmischen. Hier braucht es eine Auseinandersetzung. Was tun? Im Verweilen mit dem Unbequemen, Unklaren taucht Neues auf.

„Ich muss mir nichts mehr ausdenken.

Ich kann spüren, welchen Weg es nimmt.

Und daraus wächst etwas Unerwartetes: eine leise Form von Orientierung.“

Beim Stöbern in Janikas Texten kommt es mir so vor, als hängt ihre innere Orientierung direkt mit dem Unklaren der murky zone zusammen. Da geht es lang. Ich lese eine wilde Entschlossenheit, sich selbst zu begegnen, die aber nicht im zähnefletschenden Sinne wild ist (obwohl, das geht vermutlich auch), sondern irgendwie weich und leise, und doch auch hartnäckig, kräftig und zäh.

„Jetzt ist etwas da. Nicht fertig, nicht sicher. Etwas, das gesehen werden kann. Ich erzwinge nichts – aber riskiere etwas.

Einige Gesten gehen ins Leere. Ich probiere aus, was passt.

Und dann geht es durch. Ein Schrei schüttelt mich. Das war der Punkt.“

Es ist etwas Besonderes für mich, in die Prozesse eines anderen Menschen auf diese Weise einzutauchen und Janikas Innerem so zu begegnen. Berührend, fremd, vertraut. Vertraut ist mir das Suchende, Tastende, zart oder eben wild sich Entfaltende. Das berührt mich unmittelbar, ich kenne es aus meinen eigenen inneren Prozessen und freue mich, es wiederzufinden. Fremd sind mir manche Wege und Be-weg-ungen, auf die sie mich als Leserin mitnimmt. Aber das darf natürlich so sein – es sind ihre Wege, nicht meine. Auch das Fremde berührt mich, nur anders.

Mehr über Janika Görres und ihre Arbeit findet sich auf ihrer Homepage www.janika-görres.com. Dort kannst Du auch ihr Buch bestellen.

  

 

 


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